... meinem schwulen Image
von Markus Kipfer
Also bitte. Ich muss es mir jetzt von der Seele schreiben. Das hat mich schon viel zu lange beschäftigt.
Hier ist die Story: Also, ich bin auf dem Heimweg. Es ist so um 19:00 Uhr. Sommer. Irgendwo im Chreis 4. In irgendeiner Gasse mit ein paar typischen Bars. Da sehe ich auf der gegenüberliegenden Strassenseite zwei Personen. Eine Frau und ein Mann. Wirken ein wenig verängstigt. Sie beraten sich. Dann kommt der Mann über die Strasse und auf mich zu. Seine Begleiterin lässt er allein zurück. Das machte mich etwas skeptisch. Und als er mir dann noch irgendwas entgegenstreckte, fürchtete ich schon, ich sei unter Zeugen Jehovas geraten.
Aber nein, es was ein Leaflet mit dem Bild einer vollbusigen, freizügig gekleideten Dame mit der Überschrift „Lust auf Sex“ und der Internetadresse www.don-juan.ch darauf. Auf der Rückseite wurde ich darüber aufgeklärt, wie ich mich bei Geschlechtsverkehr, Oralsex, anderen Sexualpraktiken und bei einem geplatzten Gummi verhalten solle. Und ein Kondom gab's gleich obendrauf. Hoffentlich keines, das platzt. Zudem eine Belehrung über Safer Sex für Heteros.
Die zwei waren von der Zürcher Aids-Hilfe und auf einer Mission.
Und mich hielten sie für einen ganz durchschnittlichen Hetero, der nach der Arbeit noch kurz sein billiges Vergnügen sucht. Bevor er Heim zu Frau und Kindern geht. Wie das Heteromänner ja anscheinend so tun. Keine Ahnung.
WAS? Ein Hetero? ICH? Was habe ich falsch gemacht? Ich bin doch kein Hetero! Ich bin schwul! And proud of it! Ich lebe mein schwules Leben. Ich engagiere mich in der GLBT-Community. Wie kommen zwei Aids-Hilfe-Mitarbeiter dazu, mich für einen geilen Hetero zu halten?
Ich wusste im ersten Moment nicht: Sollte ich wütend sein oder lachen? Sollte ich sie ihre Mission erfüllen lassen oder sagen, dass ich schwul sei und damit wohl kaum zum Zielpublikum gehören würde. Da es den Anschein machte, als falle es ihm nicht gerade leicht, mich anzusprechen, habe ich ihm seine Illusionen gelassen.
Und selbst ein paar verloren. Offenbar entspreche ich voll dem Image, das sich die beiden von einem durchschnittlichen Heteromann machen. Und darum gehen sie logischerweise (ach ja?) davon aus, dass ich auf der Suche nach einer Prostituierten und billigem Sex bin. Danke. Muss ich 'ne Federboa tragen, um als schwul zu gelten?
Die klassische Vorurteilsfalle. Wir alle tappen von Zeit zu Zeit rein. Der Unterschied ist, dass einige von uns aus ihren Fehlern lernen, und versuchen, Vorurteile zu vermeiden. Die meisten allerdings lassen sich ihr ganzes Leben von Vorurteilen leiten. Selbst gutmeinende Missionare. Wenn das kein Grund ist, gegen Vorurteile zu kämpfen, dann weiss ich keinen. Wir haben noch viel zu tun, packen wir's an.
CU,
Markus
Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie sie sehen können.
|